Geschichten aus dem Wienerwald

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Heute bleibt die Glotze kalt, da gehen wir in den Wienerwald

Ein schöner Abend im Münchner Volkstheater am Montag, den 3. Februar 2014. Das sei gerade mal vorneweg gesagt. Und ein gut besuchter dazu. Das freut einen. Nichts enervierender, als in einem Theater zu sitzen, das kaum Ärsche auf den Sitzen hat. Das voll besetzte Haus erinnert an die gute alte Kammerspiel-Zeit unter Dieter Dorn, bei dem Volkstheater-Intendant Christian Stückl sein Handwerk lernte. Nicht die einzige Reminiszenz. Dorn, so scheints, heißt heute Stückl. Kaum gehts los, färbt sich der Guckkasten gelb, wie weiland häufiger an der Maximilianstrasse. Dem Vergnügen tuts keinen Abbruch. Im Gegenteil. Raiders heißt ja auch jetzt Twix – und schmeckt wie ehedem.


„Das Stück spielt in unseren Tagen“, schreibt Horváth zu Beginn seiner „Geschichten aus dem Wienerwald“ (Uraufführung 1931). Regisseur Stückl macht daraus ein Panoptikum der skurilen Figuren. Eine süffige Mischung aus Volkstheater, Musical, Comedy und Burleske. Die Geschichte geht grob so: Ein Strizzi (Alfred) spannt einem Geschlechtsgenossen (Oskar) am Hochzeitstag die Tusse (Marianne) aus. Die wird schwanger. Er steht doch nicht zu ihr. Sie verdingt sich in einem Etablissement, wird des Diebstahls bezichtigt und landet am Ende wieder bei ihrem ursprünglichen Galan. Einem Metzger, der ihr schon früh im Stück prophezeit: „Du entgehst meiner Liebe nicht.“

Dieses Passionsspiel der Liebe ist schon von Horváth mit Musik bedacht. Strauß-Melodien und Zitherherrlichkeit schwebten dem Dichter vor, der 1938 in Paris auf den Champs Elysées von einem herabstürzenden Ast erschlagen wurde. Das Münchner Volkstheater verknappt die Personage des Stückes in wohltuender Manier und reichert es mit zeitgenössischer Musik an. Die Songs werden von den Schauspielern in Deutschland-sucht-den-Superstar-Manier mit und ohne Micro mehr als passabel präsentiert.

Während Bühnenbild und Kostüme ein reizvolles Amalgam aus Jahrmarkt, Commedia dell’arte und Realismus bilden, zieht uns Horváths leicht modernisierte Dialogkunst die Gegenwart über die Ohren. Liebeslust und Liebesleid. Wenn uns die Natur kommt, schmeißen wir Gotteskinder alle wohldurchdachte Planung über den Haufen. Wer kennt das nicht. Diese gärende dampfende Triebhaftigkeit drückt das Bühnenbild sehr sinnig mit den Nebelschwaden über dem Schilfteich im Hintergrund aus. Sehr schnell merkt man: Die Figuren, so lustig sie gezeichnet sind, heißen eben du und ich, wie es schon Oskar Maria Graf in seinem 1937 veröffentlichten Roman „Anton Sittinger“ für seine Kunstfiguren reklamiert. Analogien zur Gegenwart, wohin man auch schaut. Zum Beispiel wie der Kindvater Alfred eine Zeit lang versucht, sich mit diversen Handelsvertreterjobs durchzuschlagen. Ganz im Sinne heutiger Hartz IV Ich-AGs. Wenn am Ende Marianderl zu ihrem Oskar heimkehrt, sagt sie „Ich kann nicht mehr. Jetzt kann ich nicht mehr.“ Oskar streckt ihr die Hand hin: „Dann komm.“ Marianne geht in Oskars Richtung. Sie ist fast an ihm vorbei, da packt er sie sich und haut ihr, wie Dracula, die Reißzähne in den Hals. Black.

Einzelne Akteure hervorzuheben wäre unfair. Sie sind alle gut drauf an diesem Abend. Stückl hat ein spielfreudiges Ensemble um sich geschart, dem zuzusehen eine Freude ist.

Empfehlungen:

Ödön von Horváth, Geschichten aus dem Wienerwald, UA 1931
Dauerausstellung zu Ödön von Horváth im Schloßmuseum Murnau
Oskar Maria Graf, Anton Sittinger, Roman
Münchner Volkstheater

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