Philippe Jordan erinnert an Carlos Kleiber

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Wieder ein Abend der Superlative bei den Münchner Philharmonikern. Der Schweizer Dirigent Philippe Jordan begeistert im Gasteig mit einem gewitzt zusammengestellten Konzertabend. Das “Lohengrin”-Vorspiel zum I. Akt der Oper von Richard Wagner eröffnet den Abend. Wer meinte, “Ok Jungs! Kratzt das Ding runter. Der Hauptact ist eh der Ligeti.”, der wird gleich aus seiner Kulturstarre katapultiert. Leise und langsam kommt das Stück daher. Philippe Jordan scheint die Töne streicheln zu wollen. Es ist ein erotisches Vorspiel, das er da hinzaubert. Peu à peu verstärkt sich das Klangvolumen, setzen die einzelnen Orchesterstimmen ein. Wagner klingt wie Ravel. Das “Lohengrin”-Vorspiel als Vorbote des “Bolero”. Sauber ziseliert und doch als einheitliches Ganzes präsentiert. So gelangen schon Carlos Kleiber seine Interpretationen. Da bringen keine Engel den Gral herunter, wie Wagner in einem Begleittext zur Züricher Aufführung wohlanständig züchtig formuliert. Nein, da kleidet ein Meister seines Faches, den Beischlaf in Töne. Zurückhaltendes Anfragen, Anmachen, Aufpeitschen, Ejakulation (Die Becken!) und zärtlich bestätigendes, dankbares in die Entspannung Liebkosen. Wow! Wer wissen will, wie guter Sex geht, der höre sich diese musikalische Interpretation von Philippe Jordan und den Münchner Philharmonikern an.

Nach diesem Hammer muß man erstmal wieder runterkommen. Die Veränderung der Orchestersitzordnung für das zweite Stück des Abends läßt einem glücklicherweise Zeit. Schwer, den erwarteten Höhepunkt des Abends noch als solchen anzunehmen. György Ligetis “Konzert für Violine und Orchester” aus dem Jahre 1992. Doch kaum gehts los, da spürt man “Oana geht no!”. Christian Tetzlaff ist der virtuose Solist des Abends, der Ankerpunkt in dem nach Wagner zunächst befremdlich klingenden Tonkosmos Ligetis. Wie aus Nebelschwaden erscheinen musikalische Ideen und verschwinden wieder. Das fünfsätzige Werk greift die unterschiedlichsten kompositorischen Formen auf. Man spürt aber genau, daß diese Findungen, die ihren Ursprung in der außereuropäischen Musik haben, nicht unverbunden nebeneinander stehen. Letztendlich ist es der Solist Christian Tetzlaff, der alles mit einer erschreckenden Intensität zusammenhält. Das Ende des fünften Satzes ähnelt wiederum den zusammenbrechenden Kaskaden in Ravels “Bolero”. Nach einer atemberaubenden Kadenz bricht das Stück ab. Ein Interruptus, den man angespannt durch sich hindurch klingen lässt.

Robert Schumanns “Symphonie Nr. 2 C-Dur” beschließt nach der Pause den Abend. Während Jordan bei Wagner und Ligeti die Töne zärtlich zu ermutigen suchte, quasi als Tonmeister verführerisch über ihnen schwebend, geht er Schumann mit einer diszipliniert fordernden Strategie an. Knapp, klar, fast zackig treibt er das Orchester voran. Die seelische Gehetztheit, die Schumann zur Zeit dieser Kompositionen umtrieb, steht hinter dieser Herangehensweise. So ergibt sich auch in dieser viersätzigen Symphonie ein logischer (!) emotionaler Zugang. Gleichzeitig ahnt man einen Zusammenhang zwischen der kompositorischen Getriebenheit eines Robert Schumann und den Klangballungen und Klangverharkungen eines György Ligeti. Nicht nur in der Vorfreude auf dieses Konzert, sondern auch in seiner dramaturgischen Bedeutung ist Ligeti damit der Dreh- und Angelpunkt des Abends.

Philippe Jordan und die Münchner Philharmoniker haben gezeigt, wie potent man doch als Konzertbesucher sein kann. In zwei Stunden, inklusive 20 Minuten Pause, sind durchaus drei Höhepunkte möglich.

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