Nachdenken mit Adorno

Seite

Ein Lektüretagebuch – Beginn: 14. Mai 2013

Man gönnt sich ja sonst nix

Mein Gott! Ich kaufe Bücher noch und noch. Schon lange komme ich mit dem Lesen nicht mehr nach. Beim Einordnen der Neuerwerbe stoße ich regelmäßig auf noch jungfräuliche Seiten, die mich einstmals sehr interessierten. Jetzt, da ich sie wieder in Händen halte, reizen sie mich gar mehr, als die soeben gekauften Seiten. Meine Bücher sind meine Dirnen, möchte ich in Abwandlung eines Diderot-Wortes ausrufen. Nur: Wer überall mal ein bisschen rumfummelt, der wird mit keiner wirklich glücklich.

Da ich aber nun mal beschlossen habe, wirklich glücklich zu werden, starte ich hier und heute mit der Lektüre eines seit Jahren mich intellektuell anlachenden Buches: »MINIMA MORALIA – Reflexionen aus dem beschaedigten Leben« von Theodor W. Adorno. Gewidmet Max Horkheimer, mit dem zusammen Adorno die »DIALEKTIK DER AUFKLÄRUNG« verfasste. Begonnen wurden die MINIMA MORALIA vor Kriegsende in Santa Monica. Erschienen sind sie 1951 bei Suhrkamp.

Warum Adorno?
Warum nicht?
Tun uns heute nicht kleine bis kleinste ethische Grundsätze ganz gut, wo überall das Sichselbstgeilfinden, das Sichselbstdietaschenvollstopfen und das Imdeutscheninteressemitschlägernindenkriegenderwelt um sich greifen? In einem Ausmaß, daß mir die Nahrung der vergangenen Jahrzehnte wieder hochkommt. Und wenn alles ausgeworfen ist, möchte ich noch lange nicht aufhören mit dem Würgen.

Sibylle Berg hat in einer Kolumne für spiegel-online darüber geschrieben, wie wir vor lauter Weltrettungsansprüchen im eigenen Land moralisch zu versagen drohen. Wie wir möglichst weit weg uns kümmern (was ja nicht schlecht ist), uns aber zuhause die Nächstenliebe versagen. Bei Adorno heißt es im ersten Teil, Kapitel 4: »In der abstrakten Vorstellung des universalen Unrechts geht jede konkrete Verantwortung unter.« Frei nach der Verhaltensweise »Lasst uns den Hunger in der 3.Welt bekämpfen, aber erspart uns die Bilder der Tafeln in der eigenen Stadt. Wenn wir vollgefressen aus Sternerestaurants nach Hause torkeln, wollen wir keine Bettler und Obdachlose sehen müssen.« Tschäh, der Versuch, in der Wahrheit zu leben (Vaclav Havel), ist das Einfache, das so schwer zu machen ist (Bertolt Brecht).

Die MINIMA MORALIA mit ihren Mini-Essays eignen sich besonders für eine Lektüre, die man nicht über mehrere Stunden ausdehnen kann. Und wer kann das im heutigen Arbeitsalltag schon. In dem brasilianischen twitter-account @DanielBrasilia von Daniel Godoy Lopes las ich die Logline »The mind is like a parachute – it works best when it‘s open«. Für mich soll das Adornolesen ein geistiges Zubrot sein. In kleinen Stücken. Kontinuierlich zu genießen. Offen für  Erkenntnisse zum eigenen Leben.

3 Gedanken zu “Nachdenken mit Adorno

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s