Doris Lessing

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Wider die psychopathischen Menschenfischer oder Wie man sich selbst treu bleibt

Doris Lessing – Das goldene Notizbuch
Roman, Fischer Verlag + Flamingo Modern Classic

Fazit in a nutshell: Ein aufrüttelndes Buch über die Kolonialisierung der menschlichen Seele durch Herrschaftsphilosophien, die, das sei konzediert, vor allem von Männern stammen. Es ist jedoch ein Buch für Frauen UND Männer.

Ähnlich wie „Die Mandarine von Paris“ von Simone de Beauvoir, zählt das Werk zum literarischen Kanon der Frauenemanzipation. Das ist AUCH eine Lesart. Aber nur eine Lesart von mindestens vier. Eine solche Interpretationsverengung enthält nicht einmal die halbe Wahrheit. Ja, sie versimplifiziert den Roman in geradezu boshafter Verblendung. Es ist ein Buch über biologische Kreativität, erotischen Erfindungsreichtum, künstlerische Phantasie, politischen Gestaltungswillen und seelisch-körperliche Reifung mit allen gegenseitigen Durchdringungen.

Das Buch besitzt sechs Erzählstränge, die wie ein Zopf kunstvoll miteinander verflochten sind. Man verliert beim Lesen nicht die Orientierung, was als solches schon eine echte Leistung vorstellt. Doris Lessing flüchtet nicht in die heute oft bemühte Argumentation: „Das Leben ist eben so chaotisch. Warum soll ausgerechnet ich als Künstler dem Leser den Durchblick geben?“ Aber, mal ehrlich, um mir sagen zu lassen, das Leben sei undurchschaubar, muss ich einem Kreativen nicht das Beste anvertrauen, was ich habe: Meine Lebenszeit! Von einem Werk, egal welchen Genres, erwarte ich einen Gedanken, wie der Unübersichtlichkeit Herr zu werden ist – nach Meinung des Verfassers/ Gestalters/ Urhebers. Über Lebensgestaltung kann man streiten. Zu verschiedenen Zeiten denkt man auch verschieden über die Aspekte des Lebens. Es geht auch nicht darum, das Rad neu zu erfinden. Die Wahrscheinlichkeit, etwas wirklich Neues zu erfahren, nimmt mit zunehmendem Alter ab – wenn man es nicht vorzieht, sich selbst zu betrügen. Es genügt nicht, wie Nietzsche es sagt, „das Chaos in sich“ zu spüren, man muss schon auch noch „einen tanzenden Stern“ gebären.

Doris Lessing lässt ihr Alter Ego im „Goldenen Notizbuch“ den Roman „Ungebundene Frauen“ schreiben. Sie zeigt eindrucksvoll, wie die Schriftstellerin Anna vier verschiedene Notizbücher führt. Ein schwarzes, in dem sie das Leben versucht festzuhalten, wie es ist. Sozusagen ein Buch der Facts. Ein rotes Notizbuch für ihre politischen Erfahrungen im Krieg, Kolonialkrieg und in der linksintellektuellen Szene Londons. Ein gelbes Notizbuch enthält die Stories, die sie aus ihrem Leben herauswäscht, wie der Goldsucher seine Nuggets. Ein blaues Notizbuch stellt den Versuch eines Tagebuches dar, das die reinen Fakten des schwarzen Notizbuches gedanklich transzendieren soll. So weit – so gut. Aber Anna ist unzufrieden mit den Ergebnissen in allen Büchern. Trotzdem bleibt sie dabei, sie kann sich nicht vorstellen, die Welt anders in den Griff zu bekommen, als durch die kreative Aufspaltung ihrer Persönlichkeit in diese vier Annas.

Vor allem nach der Veröffentlichung und dem Erfolg ihres Buches „Frontiers of War“ fällt Anna in das schwarze Loch der Schreibblockade. Wie Faust bei Goethe versucht sie mehrere Anfänge eines neuen Werkes, bricht sie aber stets ab, weil sie merkt, sie bekommt die Gesamtheit dessen, was sie sich vorstellt, nicht in den Griff. Sie verzweifelt an dieser frustrierenden Erfahrung. Durch ihre Beharrlichkeit jedoch kommt sie zu einer Synthese der verschiedenen Annen: Im „Goldenen Notizbuch“ ist Anna endlich sie selbst – allen Widrigkeiten zu Trotz. Egal, ob Männer sie gängeln wollen, Kinder sie als ewige Mutter stets verfügbar haben möchten, die totalitäre Linke ihr vorschreiben will, wie man (!) die Welt zu sehen habe oder Verlage sie zur Lohnschreiberin herunterdemütigen wollen.

Joe Navarro, ein FBI-Top-Profiler, teilt Psychopathen in vier Kategorien ein: Den Narziss, den Dissozialen, den Paranoiden und den Instabilen („Die Psychopathen unter uns“, mvg Verlag). Eine hochinteressante Lektüre, die kriminalpsychologisch bestätigt, was Doris Lessing in ihrem Roman künstlerisch beschreibt. Die Welt ist voller Prinz oder Prinzessin Charming, voller Parteien, Ideologien, Religionen und Institutionen, die uns auf die Schleimspur ihrer Manipulationen locken wollen. Dagegen hilft nicht Mißtrauen, sondern vor allem Selbstvertrauen. Ihrer selbst sichere Menschen scheuen die Psychopathen wie der Teufel das Weihwasser. Diese Erfahrung hat Doris Lessings Hauptfigur zu ihrem „Goldenen Notizbuch“ der Authentizität geführt. Und diese Selbstakzeptanz löst Annas künstlerisches Hauptproblem: die Schreibblockade.

Das Buch hat  ein Vorwort, das Doris Lessing neun Jahre nach Erscheinen des „Goldenen Notizbuches“ (1962) geschrieben hat. Sie äußert sich verwundert über die Tatsache, daß in diesem Roman vor allem ein „Woman’s Lib“-Buch gesehen wird. Es empfiehlt sich, so man widerstehen kann, das Vorwort erst nach Abschluß der Romanlektüre zu lesen.

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