Das Kolumbusgefühl

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Anton Tschechow schrieb einmal in seinen Tagebüchern, daß er keiner politischen Ideologie nachhänge, keiner Revolution, keinem Gott und keine Angst vor Gespenstern oder gar dem Tod habe. Sein Landsmann Gaito Gasdanow scheint ihm darin zu gleichen. Zwei Revolutionen und zwei Weltkriege später. In dem Roman Das Phantom des Alexander Wolf (1947/48) vermittelt sich einem dieser Eindruck. Er resigniert ebenfalls nicht und stellt die existentiellen Fragen: Warum leben wir? Wozu leben wir? Gibt es eine Vorsehung im klassischen Sinne?
Der Roman kam erst vor vier Jahren in einer deutschen Übersetzung heraus. Er fiel mir durch die nachhaltige Empfehlung einer Freundin und eines Freundes in die Hände, die mit ihren Tipps nicht inflationär umgehen. Die Hinweise kamen unabhängig voneinander, so daß ich mir dachte, da muss was dran sein. Gesagt! Getan! Gelesen!
Gewohnheitsmäßig durchstöberte ich das Nachwort der Übersetzerin Rosemarie Tietze zuerst. Zumal Gasdanow mir ein völlig unbekannter Autor war. Ich erfuhr einiges über den Autor und das Schicksal dieses Buches. Geboren in St. Petersburg 1903. Gestorben in München 1971. Ich zog selber sechs Jahre später in diese Stadt, lebte in Spuckweite zu Gasdanows Arbeitsplatz bei Radio Liberty und hatte einen guten Studienfreund in der Osterwaldstrasse, der Endstation seiner Lebensreise. Der heutige Chefdirigent der Münchner Philharmoniker, Valery Gergiev, unterstützte die Herausgabe einer mehrbändigen Gesamtausgabe der Werke Gaito Gasdanows im Rußland der zweitausender Jahre und kümmerte sich auch um den Grabstein des Schriftstellers auf dem Russischen Friedhof bei Paris.
Die Themen des Romans sind der Krieg, die Mordlust, die Liebe und der Lebenstrieb, den eine Figur des Textes als „Lebensrhythmus“ definiert. Krieg und Mordlust sind eigentlich nur die Sidekicks der unendlichen Melodie von Liebe und Lebenstrieb. Der situative Rahmen, in dem sich ohne weitere Konkretisierung (Weisse, Rote, Zar) das fatale Beziehungsgeflecht zwischen Sascha Wolf, dem Ich-Erzähler und Jelena Nikolajewna entfaltet. Es gibt noch zwei weitere Figuren, den Exilrussen Wosnessenski, der als philosophischer Gesprächspartner und struktureller „Matchmaker“ zwischen Wolf und dem Erzähler fungiert, sowie den Pariser Kriminellen Pierre Dieudonné, den Gottgegebenen, der der Grund dafür ist, daß der Erzähler beim Finale furioso des letzten Aufeinandertreffens der Protagonisten eine Pistole mit sich führt.
Die Handlung ist knapp umrissen folgende: Im russischen Bürgerkrieg erschießt der Ich-Erzähler vermeintlich einen Gegner. 20 Jahre später liest er einen Roman, der genau diese Erschießungssituation en detail beschreibt und somit vom „Opfer“ stammen muß. In Paris lernt er den Mann und Autor kennen, den er glaubt getötet zu haben. Wie sich herausstellt, liebte dieser Mann, Sascha Wolf, genau jene Jelena Nikolajewna abgöttisch, die der Ich-Erzähler und Journalist just in diesem Augenblick ebenso abgöttisch liebt. Bei Jelena treffen die beiden aufeinander und der Erzähler erschießt Sascha Wolf nun tatsächlich.
Rückblickend erscheint als Dreh- und Angelpunkt des Textes die persische Anekdote vom Gärtner und dem Tod. Der Gärtner erbittet, bleich vor Schreck, vom Schah sein schnellstes Pferd, um nach Isfahan zu reiten. Der Schah gewährt ihm die Bitte, stellt aber den Tod zur Rede, warum er seinen Gärtner so erschreckt habe. Und der Tod antwortet ihm, er selbst sei erstaunt gewesen, den Gärtner hier bei ihm anzutreffen, denn in seinem Buch sei verzeichnet, daß er eben diesen Gärtner noch diese Nacht in Isfahan treffen solle.
Der Tod und die Liebe sind für Gasdanow DIE zentralen Elemente des Lebensrhythmus. Nirgend wo gerät der Mensch stärker außer sich, um zu sich zu kommen. Die Erschütterung des Selbst im Liebesakt ist nur vergleichbar der tiefen Todesangst oder ihrer Kehrseite, der machtvollen Ausübung des Tötens. Ein Archetyp der Krimiliteratur. Rosemarie Tietze spricht demzufolge auch von einem „Seelenkrimi“.
Gaito Gasdanow bietet eine der einfühlsamsten Beschreibungen des sich Verliebens und des Orgasmus aus Sicht des Mannes. Musikalisch hat dieses weltverschmelzende Gefühl Ludwig van Beethoven in seiner Leonore 3 Ouvertüre zum Ausdruck gebracht. Diese Urerschütterung prägt sich unserem emotionalen Gedächtnis ein. Wir suchen sie immer wieder. Sie bleibt prägend, so man sie erlebt hat, bis in die letzten Augenblicke. Goethes „Verweile doch, Du bist so schön“ drückt einen ähnlichen Gedanken im Faust 1 aus. Das Beharren auf diesem Gefühl bedeutet Stillstand und damit Tod. Fausts Seele gehört dann Mephisto.
Dieses Gefühl möchte ich als das Kolumbus-Gefühl bezeichnen. Ein Zustand, in dem man für Bruchteile von Sekunden mit einem Partner verschmilzt oder im kreativen Prozess meint, die Weltformel gefunden zu haben. Man war aufgebrochen, Amerika zu entdecken. Man entdeckt, was man suchte. Oder man findet etwas ganz anderes. Auf alle Fälle ist man  glücklich im umfassenden Sinne. Den Begriff Flow hat Mihály Csiksentmihály dafür geprägt. Kinder befinden sich häufig in diesem Zustand. Bildung und Sozialisation vertreiben uns daraus. Er blitzt immer wieder auf in einer erfüllenden Tätigkeit. Das Leben lehrt einen, daß man nur einen begrenzten Vorrat von diesem Gefühl hat. Wir sind idealistische Wesen. Doch der Alltag frisst unsere Ideale auf. Gesegnet der, der diese emotionalen und intellektuellen Schätze wohl behütet in sich trägt und von Zeit zu Zeit, wie ein Vampir, den Saft des Optimismus aus ihnen saugen kann. Dem Glücklichen versiegt diese Quelle nie.
Am Ende begeht der Ich-Erzähler jenen Mord, den er schon vor Jahren meinte, begangen zu haben. Es sieht nach Schicksal aus. Nach göttlicher Vorsehung. Nach Ankommen. Im Reinen sein mit sich und der Welt. Aber vielleicht ist es auch nur eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Hervorgerufen durch das jahrelang quälende Schuldgefühl.
Thornton Wilder umkreist das Thema in seinem Roman Die Brücke von San Luis Rey aus dem Jahr 1927 ebenso. Was trieb Menschen dazu, beim Einsturz einer Brücke in den Anden im 18. Jahrhundert auf eben dieser Brücke zu eben diesem Zeitpunkt zu sein? Auch bei ihm spielt die Liebe in der Biografie dieser Menschen eine entscheidende Rolle. Ein Priester mit Namen Juniper versucht aus dem Einsturz mit naturwissenschaftlicher Exaktheit den Gottesbeweis abzuleiten. Er scheitert. Er wird von der Mutter Kirche mitsamt seinen Recherche-Materialien verbrannt.
Rosemarie Tietze fasst die Grundstimmung der russischen Exilschriftsteller in Paris, die sich vom Mainstream absetzten, unter dem Begriff „melancholische Illusionslosigkeit“ zusammen. Das trifft auch die heutige Stimmung, nachdem im letzten Jahrhundert das Scheitern der großen Metaerzählungen offenbar wurde. Was bleibt, sind die Mühen der Ebene, wie sie Bertolt Brecht beschrieben hat. Ohne die Illusion des zwischenzeitlichen Gipfelsturms.
Und es bleibt mit Gaito Gasdanows Das Phantom des Alexander Wolf ein Buch, das im besten Sinne nachdenklich macht.

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