Philippe Jordan erinnert an Carlos Kleiber

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Wieder ein Abend der Superlative bei den Münchner Philharmonikern. Der Schweizer Dirigent Philippe Jordan begeistert im Gasteig mit einem gewitzt zusammengestellten Konzertabend. Das „Lohengrin“-Vorspiel zum I. Akt der Oper von Richard Wagner eröffnet den Abend. Wer meinte, „Ok Jungs! Kratzt das Ding runter. Der Hauptact ist eh der Ligeti.“, der wird gleich aus seiner Kulturstarre katapultiert. Leise und langsam kommt das Stück daher. Philippe Jordan scheint die Töne streicheln zu wollen. Es ist ein erotisches Vorspiel, das er da hinzaubert. Peu à peu verstärkt sich das Klangvolumen, setzen die einzelnen Orchesterstimmen ein. Wagner klingt wie Ravel. Das „Lohengrin“-Vorspiel als Vorbote des „Bolero“. Sauber ziseliert und doch als einheitliches Ganzes präsentiert. So gelangen schon Carlos Kleiber seine Interpretationen. Da bringen keine Engel den Gral herunter, wie Wagner in einem Begleittext zur Züricher Aufführung wohlanständig züchtig formuliert. Nein, da kleidet ein Meister seines Faches, den Beischlaf in Töne. Zurückhaltendes Anfragen, Anmachen, Aufpeitschen, Ejakulation (Die Becken!) und zärtlich bestätigendes, dankbares in die Entspannung Liebkosen. Wow! Wer wissen will, wie guter Sex geht, der höre sich diese musikalische Interpretation von Philippe Jordan und den Münchner Philharmonikern an.

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2 Gedanken zu “Philippe Jordan erinnert an Carlos Kleiber

  1. Ricarda Kohlbecher

    Lieber Marius,
    ich stimme Dir schon zu, was den grandiosen Dirigenten Philippe Jordan betrifft. Solch eine Dirigentenkunst habe ich noch nie gesehen und gehört, wundervoll! Ansonsten habe ich oft Angst, dass die älteren Herren, die sonst so dirigieren, vom Podest kippen könnten, wenn da nicht (zum Glück!) eine Stange wäre….
    Als langjährige Philharmoniker-Abohörerin bin ich es ja schon gewöhnt, dass die unmelodischen Ohrquälereien immer eingerahmt sind von den wunderbaren, einen dahin-fließen-lassenden Stücken sind. So kann man weder erst zur Pause kommen, noch zu dieser dann gehen (die Berliner Philharmoniker machen es in ihren Abo-Konzerten übrigens genauso), ohne eines der wunderbaren Stücke zu verpassen. Ein Bekannter, selber Musiker, sprach in diesem Zusammenhang einmal von den „Erziehungsmaßnahmen“ des Veranstalters, der einem auf diese Weise eine solche Musik vorsetzt und zumutet!
    Und was da von Ligeti gespielt wurde, war, nicht nur in meinen Ohren, Katzenmusik, wie mein Nachbar es so schön formulierte. Die Philharmoniker gaben ihr Bestes, ebenso der Solist, ihnen galt der Applaus, aber leider trauten sich zu wenige, diesen einzuhalten, um ihr Unverständnis für die Musik auszudrücken.
    Zum Glück besänftigte Robert Schumanns Musik dann unsere Ohren und Herzen! Von „Potenz“ habe ich nichts gespürt, das ist wohl eher ein männlicher Gedanke….
    Da viele Abokonzertbesucher-Plätze frei blieben, was nicht immer so ist, hat der Ligeti-Teil diese wohl gleich zu Hause bleiben lassen….
    Ja, so verschieden sind die Meinungen!!
    Ricarda Kohlbecher

    • Liebe Ricarda,
      da sind wir ja gehörig unterschiedlicher Meinung. Aber d’accord wohl in der Einschätzung, daß für jeden was dabei war. Was wiederum für die Gestaltung der Abokonzerte spricht. Das meinige war übrigens nicht schlechter besucht, als die sonstigen Konzerte der Reihe. Da es aber vier oder fünfmal gespielt wurde, mag das bei Dir anders verkauft gewesen sein als bei mir. Und beim Dirigenten scheinen wir uns ebenfalls einig zu sein.
      Gegen ältere Dirigenten habe ich nichts. Nur gegen schlechte. Über moderne Musik werde ich beizeiten mal was schreiben. Das ist ja in der Tat ein immer wieder kontrovers diskutiertes Thema. Nur so viel: Heute anerkannte Meisterwerke wurden zu ihrer Entstehungszeit häufig harsch abgelehnt. Schumann erging es ebenso. Kreativität und ihre Quellen sind ebenfalls ein Dauerbrenner in der ästhetischen Diskussion von Kant über Freud, Sonntag, Paglia bis Welsch.
      Vielen Dank für Deinen engagierten Kommentar. Wie Du siehst, hast Du mich auf einige Ideen gebracht.
      Marius Luther

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